» Fortschritt durch Rückschritt

Warum es für Eishockeytalente so schwierig ist, sich dauerhaft in den Kader der Eisbären Berlin zu spielen

Die Szene wirkte schon etwas skurril: Kurz vor Ende des Eisbären-Trainings am Donnerstagvormittag ließ sich Headcoach Don Jackson auf das schon abgenutzte Eis im Hohenschönhausener Wellblechpalast fallen, Assistenztrainer Vince Malette tat es seinem Chef nach. Drei junge Männer mit den Namen Thomas Supis, 21, Vincent Schlenker, 20, und Henry Haase, 19, schauten dabei ganz genau zu. Danach mussten auch sie ran: Anlaufen und sich dann gezielt plumpsen lassen.

Die Übung ist Teil eines festen Rituals. Regelmäßig nimmt sich Jackson am Ende der Trainingseinheiten seiner Talente an, um sie für den potenziellen Ligaalltag in der DEL zu stählen. Denn dort sollen die Jungspunde schon bald regelmäßig auflaufen. Jackson sagt: „Das ist unsere Zukunft. Aber sie brauchen noch ihre Zeit.“

Schlenker scheint am weitesten zu sein. Auf 39 Einsätze kommt er in dieser DEL-Spielzeit − meist waren sie kurze. „Ich bin froh, dass ich spiele. Es könnte etwas mehr sein.“ Supis (20) und Haase (16) spielten noch weniger. „In dieser Saison ist es schwer, Eiszeiten zu bekommen“, sagt Supis. Alle drei müssen im Moment erfahren, dass es sogar für Begabte hart ist, sich im Kader der besten Eishockeymannschaft Deutschlands festzubeißen.

In der vergangenen Spielzeit blieb Jackson selten eine andere Wahl, als auf den Nachwuchs zu setzen. Zu dünn waren die Reihen wegen Verletzungen besetzt. Auf einmal ging es für die jungen Spieler nicht mehr gegen die Ice Fighters Leipzig oder ELV Tornado Niesky, mit denen sie sich im Oberliga-Farmteam Fass Berlin zu messen hatten. Die Gegner hießen nun Kölner Haie oder Adler Mannheim. Die Öffentlichkeit war verzückt über den Pool fähiger Jung-Eisbären.

Mangelndes Vertrauen

Dass es in dieser Spielzeit nicht ganz so euphorisch weiterging, hängt damit zusammen, dass Jackson oft aus dem Vollen schöpfen konnte. Zudem schien das Vertrauen in die Jungen noch nicht groß genug zu sein, dass sie in einer durchwachsenen Saison bestehen. „Jeder will, dass seine eigenen Kinder spielen. Aber du musst die Besten spielen lassen“, sagt Jackson.

Dass sie dazu noch nicht gehören, lässt die Talente noch kalt − zumindest nach außen. Haase prophezeit: „Unsere Zeit wird kommen, das sagt uns auch der Trainer immer wieder.“ Wenngleich die Zugänge, die im Verlauf dieser Saison verpflichtet wurden, kritisch beäugt werden. „Es ist doch ganz logisch, dass du da genau hinguckst.“ Kritik an dem einen oder anderen Transfer zu äußern, verbietet sich natürlich.

Die drei haben genug damit zu schaffen, selbst Kritik zu verarbeiten. Beim Eisbären-Training am Morgen müssen sie sich anhören, was noch fehlt zu den Großen. Bei der Fass-Einheit am Abend werden sie getadelt, wenn die Feinabstimmung hakt. Haase sagt: „Das ist schon ein krasser Unterschied. Die Pässe und Schüsse bei den Eisbären sind unglaublich schnell. Du musst immer wach sein. Bei Fass machst du dann oft einen Schritt zu viel, weil das Zuspiel langsam kommt.“

Entwicklungsanreize

Trotz eines vermeintlichen Abstiegs will niemand die Einsätze beim Oberligisten als solchen verstanden wissen. Vor allem nicht Supis, der wie Schlenker auch aus der Jugend des ERC Schwenningen stammt. „Das Niveau der Oberliga ist so, dass man sich weiterentwickeln kann. In Schwenningen gab es die erste Mannschaft, sonst nichts.“

Die Faszination der Eisbären hat für die Jungprofis noch nicht nachgelassen. „Das war eine riesige Verlockung damals, nach Berlin zu kommen“, sagt Supis. „Für diesen Verein zu spielen, ist immer noch das Größte.“ Die anderen sehen das gleich.

Über Alternativen, falls der große Sprung ausfällt, denkt niemand nach. „Irgendwas findet man dann schon. Ich will mich hier aber unbedingt durchsetzen“, sagt Schlenker. Zumindest er hat am Freitag in der Partie gegen die Hannover Scorpions (19.30 Uhr/Arena am Ostbahnhof) die erste Gelegenheit dazu. Für die anderen heißt die Devise: bereit sein. Wenn sich jemand verletzt, sind sie es, die sich in die Schüsse der Gegner schmeißen − so wie im Training geübt.

Von Benedikt Paetzholdt - Quelle: berliner-zeitung.de

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