» Das große Schuldverteilen hat begonnen

Am Dienstagabend luden die zwischenzeitlichen Gesellschafter Karsten Tran und Michael Rets zu einem Gespräch mit Medienvertretern und Fans. Ebenfalls mit dabei: Sven Wahl, inzwischen gekündigter Caterer der Lions. Hauptbotschaft der Veranstaltung: Die in den vergangenen Tagen erhobenen Vorwürfe von Geschäftsführer René Franke in ihre Richtung seien nicht zutreffend. Im Gegenteil: ?René Franke war blauäugig. Er hat getäuscht und gelogen. Der Mann kann Staubsauger verkaufen und keine Eishockey-GmbH führen", so Wahl. ?Herr Franke ist ein Mann, der keine Ahnung hat. Er hat bewusst versucht, uns und mögliche neue Partner zu betrügen", schimpfte Tran. Beide hatten im Vorfeld angekündigt, ihre Aussagen mit entsprechenden Belegen untermauern zu wollen. Belege, die die Hauptschuld an der nunmehr dritten Insolvenz im Leipziger Kufensport dem Geschäftsführer zuweisen sollen. Zur Sprache kamen zahlreiche Belange. Dazu gehörte auch die Frage, wie es überhaupt zum Wechsel der Gesellschafter gekommen war. Grundsätzlich halten zwei eingetragene Vereine die Anteile an der Betreibergesellschaft des Leipziger Eishockeysports. Laut aktuellem Handelsregisterauszug sind das mit 80 Prozent die Leipziger Eishockeygemeinschaft (LEG) sowie mit 20 Prozent der Stammverein und zum Spielbetrieb gemeldete SV Fortuna. ?Wir haben im November 15.000 Euro an die Betreibergesellschaft gezahlt. Dafür wurden Herr Rets und ich in einer Sitzung der LEG am 23. November in den Vorstand der LEG gewählt", erklärte Karsten Tran. Die bis zu diesem Zeitpunkt aktiven Vorständler Jörg Bräunig und René Franke waren zuvor zurückgetreten. Schatzmeister war und blieb Uwe Franke, seines Zeichens steuerlicher Berater der Betreibergesellschaft. Auf Nachfrage legte Tran am Dienstag zwar zwei entsprechende Sitzungsprotokolle vor, die die Wahl belegen. Denen fehlten jedoch die nötigen Unterschriften sowie Stempel. Zur Rolle von Sven Wahl erklärte Karsten Tran im Anschluss: ?Wir haben ihn damit beauftragt, die finanzielle Lage zu prüfen." Das habe er getan. Allerdings seien ihm seitens der Geschäftsführung Steine in den Weg gelegt worden. ?Jeder türkische Autohändler hatte eine bessere Buchhaltung als die Blue Lions. Es gab keine zentrale Kasse, keine zentrale Lohnbuchhaltung. Statt dessen hat jeder Mitarbeiter eine eigene Kasse geführt", erklärte Wahl. Eine eigens engagierte Bilanzbuchhalterin sei auf der Suche nach Unterlagen ständig hingehalten worden. ?Schließlich habe ich die Tür zum Büro von Evelyn Herrmann und Zdenek Travnicek eingetreten und drei Ordner mitgenommen. Ich bettele doch nicht ewig, dass mir jemand aufschließt." Der Trainer sagte dazu am Mittwoch: ?Mich hat nie jemand gefragt, ob ich aufschließen kann." Im Dezember habe man dann etwa 60 Prozent der Unterlagen zusammengehabt, am 13. Januar eine definitive Zahl, so Sven Wahl. Die Zahl nannte er nicht, sagte aber, zu diesem Zeitpunkt hätte bereits Insolvenzgefahr bestanden. Die Herren Tran und Rets seien deshalb von ihren Ämtern in der LEG zurückgetreten. Statt Wahl gewährte Uwe Franke einen Einblick in die geplante und derzeit herrschende Finanzstruktur. Der Steuerberater nahm im Auftrag von Geschäftsführer René Franke an dem Gespräch im ?Rammler" teil. ?Nach den mir vorliegenden Unterlagen gehe ich im Moment von einer Etatunterdeckung von 250.000 Euro aus", erklärte er. ?Davon resultieren 100.000 Euro aus unterschriebenen Sponsorenverträgen, bei denen die Geldgeber ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten oder nicht nachgekommen sind." Insgesamt seien bisher etwa 250.000 Euro Sponsorengelder tatsächlich gezahlt worden. ?Das sind 50 bis 60 Prozent dessen, was eingeplant war." Man habe zunächst mit einem Etat von 750.000 Euro geplant. 240.000 Euro davon sollten durch Zuschauereinnahmen gedeckt werden. Allerdings habe der tatsächliche Etat später 900.000 Euro umfasst, weil unvorhergesehene Zusatzkosten angefallen seien. Uwe Franke bestätigte zudem die Aussagen des Geschäftsführers vom Sommer, wonach die Saison durchfinanziert sei. ?Zum Zeitpunkt dieser Aussagen lagen schriftlich fixierte und unterschriebene Absichtserklärungen über die volle Höhe vor." Es sei im Eishockey üblich, dass diese erst nach Lizenzerteilung bzw. nach Klärung der Ligenzugehörigkeit in tatsächliche Verträge umgewandelt werden. Dass es zu einer finanziellen Schieflage kommt, war laut Uwe Franke bereits im September und Oktober abzusehen. ?Ich konnte das den Büchern entnehmen und habe auch darauf hingewiesen. Dass dann so eine Art Selbstläufer entsteht, ist klar." Neben den weggebrochenen Sponsoreneinnahmen sei ein für die Regionalliga überdimensionierter Etat für die Probleme verantwortlich. ?Alles war für eine Oberliga-Teilnahme geplant, auch die Einnahmenseite." Schwierigkeiten hätte auch der unstete Spielplan verursacht. ?Die Saison begann deutlich später. Außerdem gab es mehrere Leerwochenenden ohne Einnahmen. Da ist es natürlich auch versäumt worden, Freundschaftsspiele zu vereinbaren, um die Lücken zu füllen." Dass der Geschäftsführer nach Bekanntwerden des Scheiterns der Oberligateilnahme den Etat nicht an die Gegebenheiten anpasste, ist auch der große Kritikpunkt von Karsten Tran und Sven Wahl. ?Teilweise haben die Spieler mehr verdient als in der Vorsaison. Allein Zdenek Travnicek bekommt 7500 Euro brutto im Monat", sagte Letzterer. Der Trainer meinte auf Anfrage von LVZ-Online dazu: ?Ich kann so eine Summe nirgends in meinem Vertrag finden." Diesbezüglich warfen sowohl Tran als auch Wahl dem Geschäftsführer die Nichtbeachtung von Gesellschafterbeschlüssen vor. ?Wir hatten Mitte Dezember ein Sanierungskonzept entwickelt, dass gute Chancen gehabt hätte zu fruchten. Dazu hätten die Marketingleiterin, der Trainer sowie vier Spieler freigestellt werden müssen. Wir haben René Franke damit beauftragt. Er hat sich darüber hinweggesetzt", so Sven Wahl am Dienstagabend. Allerdings machte Uwe Franke in diesem Zusammenhang auf rechtliche Probleme aufmerksam. ?Spieler und Trainer haben befristete Arbeitsverträge. Die sind nach ihrem Beginn kaum noch kündbar." Warum die Gesellschafter allerdings den Geschäftsführer auf Grund dieses Fehlverhaltens nicht abberiefen, wurde nicht erklärt. Sven Wahl stellte lediglich die Frage in den Raum, wer denn den Posten hätte haben wollen bei dieser Ausgangslage. Karsten Tran stellte überdies noch einmal klar, dass weder er noch seine Partner Schuld an der Insolvenzanmeldung seien. ?Wir wollten lediglich unsere 15.000 Euro zurück und wären auch mit einer Ratenzahlung einverstanden gewesen. Allerdings habe ich mich geweigert, den potentiellen neuen Partnern am Telefon zu erzählen, wie toll alles ist." Dass es die möglichen neuen Partner tatsächlich gab und gibt, bestätigte Uwe Franke: ?Wir haben ihnen die offene Postenliste vorgelegt. Sie wollten sich dennoch mit 50.000 bis 70.000 Euro einbringen und hatten ein eigenes Sanierungskonzept entwickelt." Quelle: Antje Henselin-Rudolph für die LVZ-Online am 03.02.10

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