» Aus eins mach vier: Oberliga Ost kommt

Zwei Lichtgestalten des deutschen Eishockeys zeigten auf der Sitzung und bei den Foyergesprächen ihre Präsenz, Erich Kühnhackl und Uwe Krupp. Vielleicht war die Anwesenheit der beiden Riesen hilfreich, dass den vielen, pardon, Zwergen aus den unteren Ligen die Versammlung geglückt ist und am Ende auch die seit Jahren diskutierte Oberliga-Reform beschlossene Sache war. Erstaunlicherweise ohne Gegenstimme wurde in einem Hotel am Flughafen München festgelegt, dass es in der nächsten Saison vier Oberligen geben wird: Der Süden (Bayern, Baden-Württemberg) unter dem Dach des DEB, und der Osten, Norden, Westen jeweils unter Regie des Landesverbandes. Bei der Teilnehmerzahl und beim Modus sind die Ligen autonom, allerdings soll es eine gemeinsame Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga geben, so dass alle Oberligen um den 10. März ihre Doppel- oder Meisterrunden (oder Play-Offs?) abgeschlossen haben müssten. Um einheitliche Spielregeln will man sich ebenfalls bemühen: zum Beispiel maximal zwei Kontingentspieler, ausschließlich deutsche Torhüter, Drei-Punkte-Wertung, fünf Minuten Verlängerung bei Unentschieden, gleiche Mindestanzahl von U23-Spielern. Dies ist auch deshalb erforderlich, um identische Bedingungen für jene Clubs zu schaffen, die sich in der dann vom DEB organisierten Aufstiegsrunde treffen. Das Label 3. Liga wurde übrigens verworfen; man will halt nicht als dritte Wahl erscheinen, so dass der - allerdings ziemlich belastete - Traditionsbegriff Oberliga den Vorzug erhielt. Der größte Konfliktpunkt im Vorfeld war der Reindl-Pool, das Solidarsystem zur Belohnung guter Nachwuchsarbeit. Die Oberligisten waren bisher alle an Bord, das heißt, sie zahlten 1500 Euro pro Spielerwechsel in den Fonds ein, der nach einem komplizierten Berechnungsschlüssel durchaus lukrative Ausschüttungen an die im Jugendbereich erfolgreichen Clubs verteilte. Nun leisteten der Westen und Norden erbitterten Widerstand gegen diese Eintrittsbedingung für die Oberliga. Nicht einmal das Angebot einer Art Staffelmiete über fünf Jahre - mit lächerlichen 300 Euro pro Spielerverpflichtung in der ersten Saison - wollten sie akzeptieren. Es wurde mit den geringen Etats von kleinen Westclubs wie Dinslaken oder Troisdorf argumentiert, die sich in diesem Fall nicht mehr mal eben zehn Spieler aus der Nachbarschaft besorgen könnten. Im Norden dasselbe Problem. Auch die Ostclubs fanden, dass zusätzliche Kosten in der derzeitigen Finanzlage nicht zu verkraften wären. Dass einzelne Vereine wie der ECC Preussen Juniors Berlin vom Reindl-Pool tendenziell eher profitieren dürften, konnte die Mehrheit wohl nicht beeinflussen. So kam es am Freitag Abend - vor der Mitgliederversammlung - zu einer vierstündigen Verhandlung von DEB-Präsident Uwe Harnos mit den Landesverbandsfürsten und Ligenleitern der Regionalligen, die nachher einhellig als konstruktiv und klärend beschrieben wurde. Der Verband gab nach und bot weites Entgegenkommen an, um die Kuh 'Ligareform' vom Eis zu bekommen. Wäre die Sache geplatzt, hätten die Ligenleiter aus NRW und dem Norden kaum noch Oberliga-willige Clubs gehabt, und der DEB hätte ihre Regionalligen vom Aufstieg zur 2. Liga aussperren müssen. Die jetzt getroffene Regelung sieht so aus: Wechsel nördlich des Weißwurst-Äquators sind kostenlos, nur bei einem Wechsel aus der Oberliga Süd in Richtung Norden müssen die 1500 Euro berappt werden. Wenn ein Spieler beispielsweise aus Berlin nach Leipzig oder Braunlage wechselt, kostet das keine Einzahlung in den Reindl-Pool. Nur wenn ein Spieler aus Freiburg oder Rosenheim nach Berlin geht, greift die Gebührenordnung. In umgekehrter Richtung genauso. Ausschüttungen an die Vereine außerhalb des DEB gibt es nicht. Der Osten schloss sich bei diesem Thema erst spät den Rebellen aus Nord und West an. Ursprünglich sollte er ebenfalls unter DEB-Dach spielen, mit allen Konsequenzen wie Verbandsabgaben und eben Reindl-Pool. Das ist nun vom Tisch. Im überarbeiteten Entschließungsantrag wurden zahlreiche Erwähnungen der Oberliga Ost in Union mit dem Süden gestrichen. Im Ergebnis bedeutet das, dass der Osten im Wesentlichen so weiter macht wie in der gerade abgelaufenen Saison. Der Modus wird nur geändert, wenn man auf zehn Vereine anwachsen sollte, aber dazu müsste schon die Dresdner 1b nach oben wollen und dürfen; der Standort Leipzig geht gerade vermutlich endgültig krachen. Also wird es bei acht oder neun Clubs wieder eine Doppelrunde geben, und auf Play-Offs dürfte man mit Blick auf die ernste Kassenlage nicht nochmals verzichten. Der Weg nach oben wird ja auch nicht wieder von vornherein verschlossen sein. Ein zweiter Brandherd schwelt einstweilen weiter, auch wenn in München allseits von großer Harmonie die Rede war. Noch ist nicht sicher, was mit den Oberligisten Herne, Dortmund und Bad Nauheim geschehen wird. Geht es nach dem Beschluss vom Samstag, so werden sie der künftigen Oberliga West zugeordnet. Auch Nauheim, denn der Landesverband Hessen gehört wie Rheinland-Pfalz auf regionaler Ebene zum großen Bruder NRW. Im Nachwuchsbereich ist das seit jeher so. Doch Bad Nauheim und Dortmund pochen auf ihre Mitgliedschaft in der ESBG und wollen auch im nächsten Jahr dort spielen, das hieße 2. Liga oder Oberliga Süd. Sie argumentieren mit ihren Investitionen in Mannschaft und Stadion, sie verlangen Planungssicherheit; das kennt man aus der 'Geschlossenen Gesellschaft' der DEL. Beide unterschlagen allerdings, dass in den Durchführungsbestimmungen zur diesjährigen Oberliga-Saison festgelegt war, dass letztmalig bundesweit gespielt und die regionale Teilung 2010/11 kommen würde. Als Zuckerstück gab es ja auch eine Nichtabstiegsgarantie. Obwohl sie Drittligisten bleiben würden, empfinden Nauheim und Dortmund die Neuordnung als einen gefühlten Abstieg. Es blüht ihnen das, was Leipzig, Rostock und Halle nach dem Rückzug in die vierte Liga erlebt haben: zuviele Gegner, die man als nicht satisfaktionsfähig ansieht und denen man die Hütte vollhaut. Zweifellos mag die Neuordnung hier eine Unwucht produzieren. Ob das Problem aber zu einem Rechtsstreit auswächst, hängt von der Rauflust einzelner Vereinsvertreter ab - und von den Play-Offs der Oberliga. Es kann sein, dass Herne und Dortmund gemeinsam den Aufstieg in die 2. Liga packen, dann gäbe es dort endlich wieder Westclubs. Für Bad Nauheim fände sich eventuell ein Platz in der Oberliga Süd, die mit zehn bis zwölf Clubs spielen soll und derzeit schon auf Freiburg, Miesbach und/oder Selb hoffen darf. Damit könnte das Ansinnen der Hessen auf eine ESBG-Liga ganz cool bedient werden. Zwar äußerte DEB-Präsident Harnos am Rande der Versammlung seine Abneigung gegen eine solche Mogelpackung, aber möglich ist hierzulande alles: Der bayerische Vertreter Weiden spielte vor drei Jahren in einer Oberliga-Staffel Nord (und ging in die Insolvenz). Gemäßigte Töne waren bei der Münchner Tagung interessanterweise von dem Herner Vertreter Matthias Roos zu hören: Er spricht nicht von Troisdorf oder Dinslaken, sondern von Duisburg und Essen, die man in der Oberliga West treffen würde. Diese Haltung ist aller Ehren wert, denn eine der vielen Krankheiten des deutschen Eishockeys ist es, das eigene Produkt schlecht zu reden: in diesem Fall die Liga, in der man spielt oder spielen soll. Schnell heißt es 'Chaosliga' oder 'uninteressant' und immer sucht man sich das abschreckendste Beispiel, wenn man sagen möchte, gegen wen man auf keinen Fall spielen möchte, weil man ja die Nase extrem hoch trägt. Nun, der Nauheimer soll erst mal zeigen, dass er gegen die jetzige Regionalliga-Spitze unterfordert wäre. Dass der Herner Vertreter sich in Demut übte und keine Probleme mit einer Teilnahme an der Oberliga West hätte, erklären informierte Kreise so: Erstens ist die weitere großzügige Unterstützung von Mäzen Ralf Pape nicht gesichert, zweitens sind die Zuschauerzahlen in Herne längst nicht zweitligareif, da die Derbys fehlen, drittens hat man derzeit so viele Verletzte, dass die Mission Aufstieg noch scheitern könnte. Die nächste Debatte wird sich vermutlich am Modus der Aufstiegsrunde zur 2. Liga entzünden. Im Moment ist eine Einfachrunde von sechs Teams im Gespräch, je zwei aus Nord/West, Süd und Ost. Dagegen gibt es viele Einwände, hier nur einige davon. Um zehn Spiele durchzuführen, müsste man Anfang März mit den regionalen Runden durch sein. Alle Teams 'unterm Strich' ab Platz drei hätten dann schon Saisonende. Eindeutig zu früh. Platzierungsspiele braucht aber kein Mensch. Das heißt, der Erste und Zweite bekommen noch mal fünf attraktive Heimspiele, der Rest gar nichts. Weiterhin liegt der Strich zu weit oben: Viele Teams werden keine Chance haben, auch nur in die Nähe der Qualifikation für die Finalrunde zu kommen. Ideal für die Spannung ist es hingegen immer, den Strich etwa in der Mitte der Tabelle zu ziehen, also unterhalb von Platz vier im Osten. Dann wären regionale Play-Offs und eine anschließende Finalrunde der vier Meister mit sechs Spielen die ausgewogenere Lösung, weil sie vielen Clubs noch zumindest ein Heimspiel nach der Vorrunde bieten würde. Aber das ist eine andere Diskussion, der Sommer wird lang genug. Einstweilen tut es gut, dass die Clubs eine lange ausstehende Reform auf den Weg gebracht haben. Die Variante einer gemeinsamen Oberliga Nord für alles, was nicht bayerisch oder schwäbisch klingt, ist vor knapp einem Jahr gescheitert und wird auf lange Sicht nicht realistisch auferstehen. Auch wenn es am Samstag schon wieder Mutige gab, die mit der Vision einer Zwölferliga aus Ost, West und Nord hausieren gingen, wenn man bereits 2010/2011 eine gemeinsame Meisterrunde ab Januar zustande brächte. Wie schön, dass es nie langweilig wird im Liga-Experimental-Labor des deutschen Eishockeys. Sven Crefeld für Radio Eiskalt

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