» Wenn eine Frau die Männer verdrängt

"Ach, ich habe es sehr gut überstanden." Kein blauer Fleck, keine gebrochene Rippe, auch kein Tor, trotzdem Lob vom Trainer - Susann Götz kann zufrieden sein mit ihrem Debüt. Am Wochenende wagte sich die 24-jährige Eishockey-Nationalspierin in ungewohnte männliche Gefilde. Beim Regionalligaspiel von FASS Berlin gegen den EV Niesky wirkte sie mit - und durfte sich über einen 4:2-Sieg freuen. "Ich hatte ein paar Einsätze in der dritten Reihe, das war schon okay", sagt die Stürmerin. Es gehört durchaus zum Unüblichen, dass Frauen in Männerteams mitspielen. Schon allein wegen der physischen Voraussetzungen. Im weiblichen Eishockey sind Checks gegen den Körper verboten, beim starken Geschlecht zählt dies zu den beliebten Einschüchterungen des Gegners. "Ich hatte keinen Zweikampf an der Bande", ist Susann Götz froh. Bei 1,64 Metern Größe und 63 Kilo Lebendgewicht hätte sicherlich einiges gespürt. Nieskys Trainer Steffen Thau führte diese Zurückhaltung auf die Gentlemanhaftigkeit seiner Cracks zurück: "Nichts gegen ihre Fähigkeiten, aber wir wissen ja, wer die Nummer 12 ist und der eine oder andere nimmt Rücksicht." Eine Sichtweise, die Götz nicht teilt: "Ich glaube nicht, dass man im Spielgeschehen sieht, wer da gerade kommt." Dass Susann Götz den Schritt wagt, in der vierten Männer-Liga aufzulaufen, gehört selbst im internationalen Maßstab zu den Raritäten. Von Torhüterinnen ist dies eher bekannt, so brachte es die Kanadierin Manon Rheaume gar zu einem Testspiel beim NHL-Klub Tampa Bay. Die deutsche Nationalkeeperin Viona Harrer (20) gehört zum Aufgebot des Drittligisten Tölzer Löwen, absolvierte in der letzten Saison auch vier Einsätze in der Oberliga. Doch für Feldspielerinnen sind die Bedingungen schwieriger. Am weitesten brachte es die kanadische Olympiasiegerin Hayley Wickenheiser, die immerhin 23 Einsätze beim finnischen Zweitligisten Kirkkonummi Salamat bestritt. "Mit Wickenheiser möchte ich mich nicht vergleichen", wehrt Götz ab, "die gehört zu einer ganz anderen Liga." Das kann sie beurteilen, denn gegen Wickenheiser hat sie schon gespielt. Drei Weltmeisterschaften und das Olympiaturnier in Turin hat Götz bestritten. Mit dem OSC Berlin gewann sie in der vergangenen Saison den deutschen Meistertitel, nebenbei half sie bei den OSC-Männern in der fünften Liga aus. "Ich habe dem OSC viel zu verdanken", sagt Susann Götz, die einst in Weißwasser das Eishockeyspiel erlernte. "Da ich eine Doppellizenz besitze, werde ich auch weiter gern dort spielen. Die Terminpläne von Frauen-Bundesliga und Regionalliga lassen das zu." Nur genügt ihr das nicht. "Für meine weitere Entwicklung, auch international, ist es von Vorteil, wenn ich mich bei den Männern versuche." Das sieht auch FASS-Trainer Heiko Awizus so: "Ich finde es gut, wenn sie sich für höhere Aufgaben bei uns fit hält." Awizus war schon nach dem zweiwöchigen Probetraining von seiner neuen Stürmerin angetan und ist es nach dem ersten Spiel noch mehr: "Susann ist läuferisch und technisch gut. Die körperliche Unterlegenheit macht sie durch ihren Spielwitz wett. Man sieht, dass sie mit dem Puck umgehen kann." Ob das Mitwirken der Sportsoldatin aber bei allen männlichen Kollegen auf Gegenliebe stößt, ist dagegen etwas zweifelhaft. Da Awizus nur mit drei Reihen spielt, jedoch über elf Stürmer verfügt, müssen zwei weichen. "Susann hat erst mal einige verdrängt", gibt der Trainer zu. Doch diese Unruhe nimmt er gern in Kauf. Quelle: Klaus Wolf/Berliner Zeitung v. 10.10.07

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